Landleben im 18. Jahrhundert

Landleben Im 18. Jahrhundert

Aus dem Buch "Spuren der Vergangenheit"
HerausgeberGeschichtsverein Westuffeln

Landleben
In Hessen-Kassel war „Wirtschaft“ im 18. Jahrhundert überwiegend Landwirtschaft, selbst die Bewohner der kleinen Städte waren meist Ackerbürger. Das Bauerntum stellte die Masse der Bevölkerung. Lebensmittel wurden kaum, Kolonialwaren und Gewürze nur in geringem Maße eingeführt, Roggen und Salz wurden ausgeführt. Sowohl Einfuhr als auch Ausfuhr gab es nur bei Textilien.

Die Feldwirtschaft
Der Boden des gebirgigen kleinen Landes war im Allgemeinen wenig ertragreich. Die Landwirtschaft wurde ganz extensiv betrieben. Sie litt unter dem unabänderlich scheinenden Kreislauf der altüberlieferten Dreifelderwirtschaft mit ihrer Bevorzugung des Getreideanbaues. Winterfrucht (Roggen und Weizen) wechselte mit Sommerfrucht (Hafer und Gerste) und Brache, auf der Rüben, Lein, Erbsen gesät wurden. Der Anbau von Futterpflanzen, insbesondere von Klee, wurde damals zwar schon in der Casseler Zeitung vom 15.02.1751 propagiert (es vermehre die Viehzucht und damit den Dünger, „wüste Triescher“ würden dadurch zu besten Wiesen), steckte aber noch ganz in den Anfängen. Die Kartoffel setzte sich erst unter der Regentschaft von Landgraf Friedrich II. durch. Bis 1793 wurde sie noch neben Kohl, Spinat und Salat unter Gartenkräuter aufgeführt.
Die Feldarbeiten wurden überwiegend mit Ochsengespannen ausgeführt, denn es gab nicht viele Pferde. Die Pferdezucht wurde vom Landesherren begünstigt. Die Schafhaltung blühte, aber der Rindviehbestand war, wie in den meisten deutschen Landschaften damals, nach Menge und Güte unbefriedigend. Die Rinder waren klein, gaben wenig Fleisch und Milch. Das Vieh blieb den ganzen Sommer hindurch auf den oft recht mageren Weiden und wurde im Winter mit Heu, Stroh, etwas Körnerfrucht und Kleie notdürftig durchgebracht. Die Stallfütterung war wegen des Fehlens regelrecht angebauter Futtergewächse so knapp, dass sich zu Beginn des Frühjahrs das Vieh oft kaum noch auf den Beinen halten konnte. So gab es wenig Stalldünger, und die natürliche Düngung durch die großen Schafherden, denen von Michaelis (29. September) bis Walpurgis (01. Mai) die Brache als Hute zur Verfügung stand, genügte nicht. Die Hektarerträge des bebauten Landes waren dementsprechend gering, aber da sie den Bedarf befriedigten und die erzielten Preise niedrig waren, fehlte jeder Anreiz zur Verbesserung der Anbaumethoden. Der hessische Bauer säte etwa einen Zentner auf den Morgen aus in der Hoffnung auf den drei- bis vierfachen Ertrag. Die von Landgraf Karl angesiedelten hugenottischen Bauern waren fortschrittlicher. Sie führten Lupine als Futtermittel ein, bauten Blumenkohl und Spargel an und verstanden sich auf Tabakkulturen. Ihr Vorbild wirkte nur langsam zur Nacheiferung, erst unter Friedrich II. wurden die Bestrebungen zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Methoden verstärkt.
Unter Landgraf Wilhelm VIII. tat die Regierung nicht viel für die Landwirtschaft. Zwar gab sie in Notfällen Vorschüsse zum Ankauf von Saatgetreide, erließ 1740 nach einer Missernte ein Ausfuhrverbot für inländisches Getreide, Vorschriften zur Sicherung des Saatkorns und gegen Preiswucher, befahl, dem Brotmehl ein Drittel Gerste, evtl. auch Erbsen und Bohnen beizumischen, und traf Schutzmaßnahmen gegen das Übergreifen von Viehseuchen auf Hessen, aber im Grunde musste der Bauer selbst sehen, wie er durchkam, er musste sehr hart arbeiten. Nicht umsonst hieß es: „Wo Hessen und Holländer verderben kann niemand mehr Nahrung erwerben.“
Steuern, Abgaben und Pachtgebühren waren noch meist in Naturalien oder in persönlicher Arbeitsleistung abzugelten. Der Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft war auf dem flachen Land damals noch nicht abgeschlossen. Es war ein verworrenes System von teilweise sehr drückenden Belastungen.

Steuern und andere Abgaben
Der fürstliche Domanialbesitz, die „Meiereien“, war verpachtet, so auch das Vorwerk in Wilhelmsthal. Die Ortschaften, welche auf einem bestimmten Hofe Dienste leisten mussten, waren im Meierbuch namentlich aufgeführt. Die „Meier“ hatten im Allgemeinen ihr gutes Auskommen. Auch der Adel bewirtschaftete seinen landwirtschaftlichen Grundbesitz in der Regel nicht selbst. Die Bauern hatten das Land meist in Erbleihe. Freier bäuerlicher Besitz, über den der Inhaber jederzeit frei verfügen konnte, gab es fast garnicht.
Der hessische Bauer besaß also das Gut, das er bewirtschaftete, vorwiegend nicht als freies Eigentum, sondern er hatte daran nur ein mehr oder minder ausgedehntes Nutzungsrecht. Für dieses musste er dem Grundherrn mannigfache Abgaben und Leistungen entrichten. Dazu kamen dann vielfach weitere Abgaben und Leistungen, die nicht aus Verpflichtungen dem Grundherrn gegenüber herrührten, sondern die als Reallasten auf dem Gut lagen, wie Abgaben und Dienste an den Gerichtsherrn. Auch die von einem grundherrlichen Verhältnis freien Erbbauern waren zur Leistung der Reallasten verpflichtet, da diese auf ihren Gütern ruhten. Die wichtigsten Reallasten waren Grundzinse, Frondienste und Zehnten.
Die Grundzinsen, die vorwiegend dem Landesherrn und dem Adel zustanden, hatten verschiedene Ursprünge. Einmal waren sie die Bezahlung an den Grundherrn für das Nutzungsrecht am Gut und durften nicht gesteigert werden, dann waren sie der auf den Häusern ruhende Jahreszins für den Gerichtsherrn, vielfach in Form von „Rauchhaber“ (3/4 Zentner Hafer) und „Rauchhühnern“. In Jahren, in denen die Hausfrau ein Kind bekam, war das Haus von der Abgabe des „Rauchhuhns“ befreit. Eine frühe Form der „Kinderermäßigung“. Schließlich konnten die Grundzinsen eine Art Hypothek sein. Wenn der Bauer Geld nötig hatte, durfte er, nachdem er die Genehmigung des Grundherrn eingeholt hatte, einen jährlichen Grundzins oder Zehnten verkaufen, der weiterverkauft, aber auch zurückgekauft werden konnte.

Frondienste
Die Frondienste galten als Entschädigung für die Nutzung von Bauerngütern. Sie waren eine schwere Last für den Bauernstand. Die hessischen Landgrafen als die größten Grundherren ihres Landes waren auch die größten Fronberechtigten. Über das Land verteilt lagen die herrschaftlichen Vorwerke, die Bauern der umliegenden Dörfer mussten dort fronen. Alle grundherrlichen Bauern waren zu diesen Diensten verpflichtet. Unterschieden wurden ständige oder ordinäre und unständige oder extraordinäre Frondienste. Beide konnten „gemessene“, d. h. nach Art, Zahl, Zeit begrenzte, oder ungemessene Dienste sein. Die größeren Bauern dienten mit ihrem Gespann, die kleinen leisteten die Hand- und Gehdienste. Alle auf dem herrschaftlichen Gut geleisteten Arbeiten wurden von dem „Meier“ im Vorwerksbuch genau verzeichnet. Der Grundherr sparte also Knechte, Tagelöhner und Zugvieh. Aber die sehr reichliche Verpflegung auf manchen Gütern hat oft den Vorteil der kostenlosen Frondienste aufgewogen. Der Fröner ging bei Sonnenaufgang von zu Hause fort und war bei Sonnenuntergang wieder daheim, dem ländlichen Arbeitstag entsprechend.
Wesentlich drückender waren die unständigen und ungemessenen Dienste, bei denen der Fröner oft viele Stunden Wegs bis zum Arbeitsplatz hatte. Zu ihnen gehörten Forstarbeiten, Jagddienste, Fische fangen, Botengänge, Fuhren aller Art, besonders auch Kriegsfuhren, Wege- und Schlossbau. Die Neuanlage und Unterhaltung sämtlicher Landstraßen und auch der Wege in der eigenen Gemarkung gehörten dazu. Wegebaudienst verpflichtete alle nicht befreiten Personen. Zweimal jährlich sollten die entstandenen Schäden ausgebessert werden. In der Praxis wurde es damit allerdings wohl nicht allzu ernst genommen, denn die Klagen über den schlechten Straßenzustand rissen nicht ab. Für die Benutzung der wichtigsten Straßen wurde Wege- und Brückengeld erhoben. Zu jenen gehörte die Nürnberger Straße von Kassel über Hersfeld nach Schmalkalden, die „Langen Hessen“ von Frankfurt über Marburg, Malsfeld nach Eschwege und die „Kurzen Hessen“ von Frankfurt über Alsfeld, Hersfeld nach Eisenach.
Alle diese Dienste wurden auf die einzelnen Ämter nach ihrer Größe umgelegt und dann vom Schultheißen auf die einzelnen Orte verteilt. Das ergab oft Meinungsverschiedenheiten zwischen den Ämtern und den einzelnen Orten, denn die Lasten waren häufig nicht gleichmäßig verteilt. Die außerordentlichen Dienste wurden nur widerwillig geleistet. Oft weigerten sich die Untertanen, neue, unnötig erscheinende Dienste zu erfüllen, die ihnen vom fürstlichen Beamten oder adligen Grundherrn zugemutet wurden und riefen ihren Oberlehens- und Gerichtsherrn, den Landgrafen, als Beschützer zu Hilfe.

Die Abgaben
Der Zehnt wurde im 18. Jahrhundert nicht mehr auf alles erhoben was Boden Wald, Wiesen und Wasser an Ertrag lieferten, sondern wurde nur noch auf die Feldfrüchte erhoben. Er haftete an den einzelnen Äckern. Viele geschlossene Güter sowie ganze Bezirke des Landes waren zehntfrei; andere Landesteile, wie das Diemelstromland, hatten reichlich Zehnten abzuliefern. Größter Zehntherr war der Landgraf. Der Zehnte und das später vielfach gezahlte Zehntgeld stiegen proportional mit dem allmählich immer größer werdenden Ertragswert des Bodens. Der „Alte Zehnte“ war die 12. oder 15. Garbe, der „Neue Zehnte“ immer die zehnte Garbe. Dieser wurde von allen Früchten erhoben, die im Felde standen, Flachs und Stroh eingeschlossen. Die „ordinairen“ Früchte Erbsen, Linsen, Kraut und Rüben blieben bis 1737 zehntfrei; seitdem war die Frage umstritten, schließlich waren je Acker wenigstens acht Albus zu zahlen. Der Bauer durfte erst dann mit der eigenen Ernte beginnen, wenn der Zehnte abgefahren war. Das war sehr lästig und für den Zehntherrn war die Einziehung der Zehntfrüchte, die in die großen Zehntscheunen an den Amtsorten kamen, eine unbequeme, wegen der unterschiedlichen Qualität und Lagerungsverluste auch teure Angelegenheit. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wurde der Zehnte für Frucht oder Geld an die Untertanen verkauft; „Vermaltern“ nannte man dieses. Die Grundbesitzer hatten einen „Blutzehnt“ oder auch „Taubenzehnt“ zu leisten, der war bestimmt zur Unterhaltung der fürstlichen Jagdfalken für die damals noch eifrig betriebene Falkenjagd. Ebenfalls dem fürstlichen Jagdvergnügen diente eine eigenartige Abgabe, die auf den Erbmühlen ruhte: Sie waren verpflichtet, einen bis zwei herrschaftliche Jagdhunde zu füttern.
Weitere Abgaben
Zu den kleinen Abgaben gehörten: das „Besthaupt“, eine Sterbefallabgabe, Reste des alten herrschaftlichen Erbrechts am Besitz der Hörigen: beim Tode des Mannes waren das beste Stück Vieh, beim Tode der Frau das beste Kleid oder der dafür geschätzte Preis abzuliefern.
Bei der Vererbung des freien bäuerlichen Besitzes überwog in der Gegend von Kassel die Verteilung unter allen Kindern, die so genannte „Realteilung“. In der großen Mehrzahl aber, besonders bei allen Erbleihegütern, erhielt ein Kind, durchaus nicht immer der älteste Sohn, den ganzen Hof, die anderen Kinder wurden mit Geld abgefunden; und wenn der Erbe heiratete, gingen die Eltern aufs Altenteil. Dieses "Anerbensystem" mit seiner geschlossenen Güterübergabe war für die Erhaltung des ländlichen Grundbesitzes und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes im 18. Jahrhundert von größter Bedeutung und wurde vom Staat gefördert.


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