Tiergarten

Der Tiergarten bei Wilhelmsthal

Das Jagdgebiet der Landgrafen
(Historische Schreibweise: „Thiergarten“)

In den Nachbargemeinden wird das Waldstück bei Wilhelmsthal. Ortsteil Calden als „Källerholz“ genannt, und so ähnlich wurde es auch schon in den Urkunden aus dem Mittelalter bezeichnet.

1362: Landgräfliche Bauern hatten im Keldirholz unberechtigterweise Holz geschlagen und großen Schaden angerichtet.
1364: Heinrich von Henstein verwüstete das Keldirholz.
1402: Die Grebensteiner hatten das Keldirholz ausgehauen.

In der 200 jährigen Fehde zwischen den Landgrafen von Hessen-Cassel und den Erzbischöfen von Mainz um die Herrschaft in Nordhessen hatte Calden als erzbischöfisches Grenzdorf und später als Exklave besonders stark zu leiden. Bei der damaligen Kriegsführung kam es darauf, möglichst viel von dem Besitz des Feindes zu erobern oder zu verwüsten.



"Kalle" mit Kaller Holz Karte Schleenstein 1705 - Wilhelmsthal hieß damals noch Amelgotz

Tiergärten in der Landgrafschaft Hessen-Cassel

Schon im Mittelalter gab es Tiergärten in Nordhessen:
1346 wurde ein Tiergarten bei Gudensberg,
1414 ein anderer bei Melsungen und
1487 ein dritter bei Marburg genannt.
Den größten Tiergarten legte in unserer Region Landgraf Wilhelm IV. im Jahre 1571 bei der Zapfenburg (Sababurg) an.
Unter Tiergärten versteht man Waldteile, die durch eine Mauer, einen Zaun oder ein Gatter abgeschlossen sind. So hatte der Sababurger Tiergarten ursprünglich eine Dornenhecke die dann aber durch eine Mauer (1589 – 91) ersetzt wurde.
In unmittelbarer Nähe der Stadt Kassel gab es Tiergärten im Habichswald (Wilhelmshöhe), in der Karlsaue und im Eichwäldchen bei Bettenhausen.


Der Tiergarten Sababurg Der heutige Tierpark in seinen Grenzen von 1783

Der Tiergarten entsteht

1769 entschloss sich Landgraf Friedrich II. bei dem Schloss Wilhelmsthal einen Tiergarten anzulegen.
1772 war die Einfriedung, bestehend aus Hainbuchenhecken und Bretterzäunen, abgeschlossen. Der Zaun umschloss nicht nur das jetzt bezeichnete Waldstück Tiergarten, sondern auch Äcker, Wiesen und Trische. Den Umfang zeigt der Plan des Geometers Johann Conrad Otto vom 3. Juni 1772. An den Einmündungen der Wege waren große Tore, die nach der Einfahrt sorgfältig geschlossen werden mussten.
Die Umzäunung verlief von der Nordwestlichen Waldecke (Gut Klein Calden) in östliche Richtung entlang dem Waldrand (noch erhaltene Hainbuchen) bis zum Lindenrondell, dann entlang der Schlossallee und weiter an der Rasenallee bis zum jetzigen Heckershäuser Sportplatz, bog dann nach Westen und lief fast parallel mit der Waldgrenze bis zum Fürstenwälder Waldeck und folgt dann der Wiesengrenze bis zum Ausgangspunkt.


Der "Thiergarten" 1772

Der "Thiergarten" nach J. C. Otto; 1772


Durch die zahlreichen Schneisen war der Waldbezirk geometrisch aufgeteilt. Die „breite Hauptschneise“ bildete die gradlinige Verlängerung der Schlossallee, wie der Tiergarten eine Erweiterung und Ergänzung des Parkes von Schloss Wilhelmsthal darstellte.


Die Hofjagd

Als der "Thiergarten" angelegt wurde, standen die Hofjagden auch „Parforcejagden“ in hohem Ansehen. Sie waren zur Zeit Ludwigs XIV. von Frankreich herübergekommen und beschränkten sich bei uns Hauptsächlich auf das jagen von Hirschen und die Wildsäuen (Wildschweine).
Bedeutung:
Par force
(franz.) = mit Gewalt
Parforcejagd = eine Jagd bei welcher man das Wild durch eine Meute laut jagender Hunde und durch reitende Jäger verfolgt wurde.

Unter Friedrich II. erlebten die Hofjagden ihren Höhepunkt, unter Wilhelm IX. ging die glänzende Zeit der Jagden zu Ende.


Parforcejagd im Tiergarten Gästeführer Wiedemann erklärt den Ablauf einer Hofjagd im Tiergarten

Tiergarten 2005

Der Tiergarten Heute Die gelbe Linie zeigt den Verlauf der Einfriedung von 1772. Rot: die erhaltenen Alleen und Jagdsterne.


Der Tiergarten heute

Spuren der Vergangenheit
Der Plankenzaun ist längst verschwunden nur noch die Hainbuchen in Richtung Gut Klein Calden lassen die Umzäunung erahnen. Außer dem Marstall, dem Jäger- und Kavalierhaus (neben dem Schlosshotel Wilhelmsthal) erinnern noch drei Flurnamen und die Jagdsterne an die Zeit des „Thiergarten“.
Östlich des Weimarer Weges steht eine Gruppe alter Buchen, die unter dem Namen „Hundestall“ bekannt ist. Hier stand das Hundehaus des Landgrafen, wo die Hunde wärend der Zeit der Jagd untergebracht waren.
Der Waldteil hinter dem Zierenberger Grund heißt „bei der Wildhütte“. Hier befand sich ein überdachter Futterplatz für das Wild. Sobald tiefer Schnee und heftiger Frost einsetzte, wurden hier Heu und Stroh ausgelegt.
Der Distrikt 13 bei der Sandgrube hat den Flurnamen „in der Salzlecke“. Hier waren sogenannte Lecksteine ausgelegt, durch die dem Schalenwild das zu seinem Wohlbefinden nötige Salz zugeführt wurde. Die Salzlecken lockten in freier Wildbahn die Hirsche an und hielten sie im Waldbezirk zusammen.

Auch die Runden Plätze im Tiergarten sind noch zu erkennen: das Lindenrund und die vier Jagdsterne Sababurgrund, Beberbeckrund, Casselerrund und das Wolfhagenerrund im unteren Källischem Holz an der Rasenallee.

Wie kam es, dass der "Thiergarten" aufgegeben wurde?
Wenn der Plankenzaun nur Waldgebiete umschlossen hätte, stände er wahrscheinlich noch heute. Im Jagdgesetz, das nach der Revolution von 1848 erlassen wurde, wurden die Wildzäune gefordert, und das Wildgatter des Reinhardswaldes wurde in dieser Zeit erst angelegt. Im Tiergarten von Wilhelmsthal waren aber Acker und Wiesen mit eingeschlossen. Sie waren natürlich dem Wildfraß beonders ausgesetzt und litten schwer unter den Hetzjagden, die in jeder Jahreszeit abgehalten wurden. Die Besitzer bekamen wohl auch eine Entschädigung, aber die war immer von dem guten Willen des Fürsten abhängig und entsprach nie der wirklichen Ertragsminderung.
Erst nach 1848 hatten die Bauern ein Recht auf volle Vergütung des Wildschadens. Die Gemeinde verlangte das Alleineigentum und die Jagdberechtigung. Das wäre vor 1848 undenkbar gewesen, denn das recht auf Ausübung der Jagd war nur den Fürsten vorbehalten. Als aber im Gesetz vom 7.9.1865 den Gemeinden zu ihren Waldungen die Ablösung der Jagd zugestanden wurde, da horchten die Caldener auf und forderten ihr „Källerholz“ zurück. Der Prozess gegen den Staat begann am 28.9.1866 und zog sich mit den anschließenden Verhandlungen bis zum 5.9.1884 hin.


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